Ich weiß noch genau, wie ich über meine Familie spottete, als bekannt wurde, dass im Oktober mein Bruder bei einem neu eröffneten Fahrradladen anfangen würde. In nicht mal einem Monat habt ihr doch alle neue E-Bikes, prognostizierte ich großkotzig. Nun kam der große Tag der Ladeneröffnung und niemand geringeres, als ich selbst, wandeltet begeistert durch den Laden und malte mir schon aus, wie es wäre mit meinem neuen E-Bike das Weimarer Land zu erkunden. Ich war nie der große Fahrrad-Fan, da ich es immer als anstrengend empfand, sobald sich eine Steigung zeigte. Ich verstand nie ,worin der Reiz lag, sich durch die Landschaften mit Muskelkraft zu quälen, ohne den Anblick der Natur auskosten zu können. In meiner Realität, gab es immer einen Hügel mehr, als eine Abfahrt. Doch nun bot sich eine Kombination aus bequemlichen Fahren und sportlicher Aktivität an der frischen Luft. Da ich mein Auto schon vor längerer Zeit abgestoßen hatte, könnte das E-Bike der stadtfreundliche Ersatz sein, zumal kaum laufende Kosten zu erwarten sind. All das machte mir die Vorstellung eines Kaufes sehr schmackhaft und nur wenige Tage später fuhr ich das erste mal in meinem Leben mit einem motorunterstützten Fahrrad meiner Wahl. Ein Erlebnis, dass volle Wirkung zeigte, denn die Verbindung von Unterstützung bei Steigungen und die moderate sportliche Anstrengung, war genau das Richtige für meinen aktuellen Fitnesslevel. Die letzten Monate unter Chemotherapie hatten seinen Preis gezahlt und so flammte in mir der Wunsch wieder auf, wenigstens ein bisschen Bewegung in meinen Alltag zu integrieren. Natürlich war der Zeitpunkt im Herbst, kurz vor Winter, nicht ideal, aber trotzdem konnte ich so noch zwei bis drei Wochen meine Neuanschaffung genießen und die Vorfreude hochhalten, für den kommenden Frühling. Außerdem schlug auch hier wieder die Mentalität zu, etwas jetzt haben zu wollen und der Gedanke: „Wer weiß was später ist?“. Es fühlt sich ein bisschen wie Schicksal an, wenn ich überlege, dass ich all die Jahre mein Geld gespart habe, nur um mir jetzt, in der schwierigsten Zeit meines Lebens, Wünsche erfüllen zu können und mir so die restliche Zeit so komfortabel wie möglich zu gestalten. Übrigens kann ich jedem empfehlen sich mal auf ein E-Bike zu setzen und mal eine Probefahrt zu machen. In Zeiten von E-Mobilität und Urbanisierung könnte das E-Bike zum Kassenschlager mutieren, wenn nicht schon geschehen. Aber mit dieser Einschätzung bin ich wahrscheinlich schon sehr „late to the Party“.
