Ein Leben mit der Uhr

In meinen zahlreichen Shoppingtouren lande ich auch regelmäßig in der Apotheke meines Vertrauens, um ordentlich einzukaufen. Im Verlauf meiner Krankheit war es immer wieder nötig, Medikation anzupassen oder zu erweitern. Angefangen mit einem Pülverchen und einer Magentablette zum Frühstück, bin ich nun an dem Punkt, wo ich eine durchgetaktete Medikationsliste habe, mit genauer Uhrzeit und Dosis. Es ist Fluch und Segen zugleich, wenn man bedenkt, dass zwischen einem Tag voller Schmerzen und einem angenehm auszuhaltenden Tag ungefähr 10 Medikamente liegen. Ich bin dankbar dafür, dass es heutzutage die Mittel dafür gibt, Menschen so behandeln zu können, dass ein Alltag noch möglich ist. In mir wächst aber auch die Sorge darüber, wie die Betäubung meines Körpers durch die Schmerzmittel die Illusion aufrecht erhält, dass alles in Ordnung ist, denn defacto bewege ich mich schon auf den Pfaden der lebenserhaltenden Maßnahmen. Nicht auszuhaltende Schmerzen, die einen zu Selbstmordgedanken treiben, werden so gebändigt mit der festgeschriebenen Bedingung der Einnahme zu bestimmten Uhrzeiten. Alle sechs Stunden akute Schmerzmittel, alle acht Stunden hochdosiertes Hydromorphon und im Notfall Fentanyl sorgen dafür, dass der Laden läuft. Verständlich, dass einem der Schweiß ins Gesicht schießt, wenn man Uhrzeiten verpasst durch Behandlungen oder einfach mal auf der Couch einschläft. Ein weitere Nachteil besteht in Anpassung des Körpers auf die Schmerzmittel. Immer höhere Dosen werden notwendig, die mich schläfriger und unkonzentrierter machen. Ich hoffe inständig, dass ich diese augenscheinliche Einbahnstraße entweder schnell durchfahren kann oder wenigsten mit der Fähigkeit noch alles wahrnehmen zu können, denn künstlich am Leben gehalten werden, möchte ich laut meiner Patientenverfügung nicht. Und der Rausch der Drogen, den ich als Jugendlicher gesucht habe, wirkt aktuell als nicht enden wollender Trip.

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